Warum emotionale Sicherheit sowohl Selbstregulation als auch verlässliche Beziehungen braucht
Geschätzte Lesezeit: ca. 9–10 Minuten (rund 1.650 Wörter)
„Du bist doch selbst für deine Gefühle verantwortlich.“ – „Aber wie soll ich mich sicher fühlen, wenn du dich immer wieder zurückziehst?“
Sätze wie diese hören wir in der Paarberatung häufig. Sie markieren eine Streitfrage, die weit über den Einzelfall hinausreicht: Ist emotionale Sicherheit etwas, das jeder Mensch aus sich selbst heraus erzeugen muss? Oder ist sie etwas, das nur zwischen zwei Menschen entstehen kann?
Die Antwort ist unbequem, weil sie beide Positionen relativiert: Emotionale Sicherheit entsteht nicht ausschließlich in uns selbst. Wir können unsere Fähigkeit zur Selbstregulation entwickeln – und bleiben als Menschen gleichzeitig auf verlässliche Beziehungen und auf sogenannte Co-Regulation angewiesen. Wer diesen zweiten Teil ausblendet, gerät leicht in eine stille Selbstbeschuldigung: „Wenn ich mich unsicher fühle, muss das an mir liegen.“ Das greift zu kurz – und wird, wie die Forschung zeigt, dem menschlichen Bindungssystem nicht gerecht.
Was emotionale Sicherheit eigentlich bedeutet
Der Begriff wird im Alltag oft undifferenziert verwendet. Hilfreicher ist es, drei Ebenen zu unterscheiden, die zusammenwirken, aber nicht deckungsgleich sind:
Innere Sicherheit. Die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen, einzuordnen und zu regulieren, ohne von ihnen überflutet zu werden.
Bindungssicherheit. Die grundlegende Erwartung, dass andere Menschen erreichbar sind, wenn man sie braucht – und die Fähigkeit, Unterstützung überhaupt zu suchen und anzunehmen.
Sicherheit in der konkreten Beziehung. Die tatsächliche Erfahrung, dass sich der eigene Partner verlässlich, respektvoll, ehrlich und emotional zugänglich verhält.
Diese Unterscheidung ist mehr als begriffliche Feinarbeit. Sie verhindert einen typischen Denkfehler: dass innere Unruhe automatisch entweder auf die eigene Vergangenheit oder auf den aktuellen Partner geschoben wird. In Wahrheit wirken meist beide Ebenen zusammen – die Frage ist, in welchem Verhältnis.
Bindungstheorie: Sicherheit entsteht zunächst zwischen Menschen
John Bowlby beschrieb früh, dass Menschen von Geburt an auf eine „sichere Basis“ angewiesen sind – eine Bindungsperson, von der aus die Welt erkundet werden kann und zu der man bei Bedrohung zurückkehrt. Aus wiederholten Erfahrungen mit dieser Bindungsperson entstehen sogenannte innere Arbeitsmodelle: Erwartungen darüber, ob andere Menschen grundsätzlich verfügbar und hilfreich sind oder nicht.
Der entscheidende Punkt für unsere Ausgangsfrage lautet: Was wir als Erwachsene als „Selbstregulation“ erleben, ist zu einem erheblichen Teil verinnerlichte Co-Regulation. Wer als Kind zuverlässig beruhigt wurde, entwickelt eher die Fähigkeit, sich später auch allein zu beruhigen. Selbstregulation fällt also nicht vom Himmel – sie hat eine Beziehungsgeschichte.
Diese Verbindung ist inzwischen gut belegt. Eine systematische Übersichtsarbeit von Eilert und Buchheim wertete 37 Studien mit insgesamt 2.006 erwachsenen Teilnehmenden aus, in denen unbewusste Bindungsrepräsentationen mit dem Adult Attachment Interview oder dem Adult Attachment Projective Picture System erhoben wurden. Über verschiedene Messebenen hinweg – autonomes Nervensystem, Hirnaktivität, Biochemie, nonverbales Verhalten – zeigte sich ein konsistentes Muster: Sichere Bindungsrepräsentationen korrelierten zuverlässig mit ausgeglichener Emotionsregulation, während diese bei unsicherer Bindung beeinträchtigt und bei unverarbeiteter Bindung dysfunktional ausfiel. Menschen mit unverarbeiteten Bindungsrepräsentationen zeigten dabei sogar gegenläufige Reaktionen und konnten Bindung nicht als Ressource nutzen.
Warum auch Erwachsene Co-Regulation brauchen
Dass Bindung nicht nur ein Thema der Kindheit ist, zeigt eine der bekanntesten Studien der Sozialneurowissenschaft. James Coan und Kollegen untersuchten 16 verheiratete Frauen im MRT, während ihnen leichte Elektroschocks angedroht wurden – in drei Bedingungen: während sie die Hand ihres Ehemanns hielten, die Hand einer fremden Person, oder gar keine Hand. Das Halten der Hand des Ehemanns dämpfte die Aktivierung der neuronalen Systeme, die an Bedrohungsreaktionen beteiligt sind, deutlich stärker als das Halten einer fremden Hand. Bemerkenswert war zudem: Je höher die von den Frauen berichtete Ehequalität ausfiel, desto geringer war die bedrohungsbezogene neuronale Aktivierung beim Halten der Partnerhand – der beruhigende Effekt der Nähe war also kein Automatismus, sondern hing von der erlebten Beziehungsqualität ab.
Diese Befunde stützen eine wichtige Entlastung: Das Bedürfnis, sich durch einen vertrauten Menschen beruhigen zu lassen, ist kein Zeichen von Unreife oder mangelnder Selbstständigkeit. Es ist Teil der menschlichen Regulationsarchitektur – Coan selbst spricht in späteren Arbeiten von einer „sozialen Basislinie“ des Nervensystems, das evolutionär auf die Nähe anderer Menschen als Ressource ausgelegt ist.
Gute Beziehungen sind ein Gesundheitsfaktor
Robert Waldinger und Marc Schulz fassen in ihrem Buch The Good Life Erkenntnisse aus der Harvard Study of Adult Development zusammen – einer der am längsten laufenden Langzeitstudien zur menschlichen Entwicklung. Wichtig ist hier eine klare Einordnung: Es handelt sich um eine wissenschaftlich fundierte Synthese vieler Datenquellen, nicht um eine einzelne empirische Einzelstudie. Ihre zentrale Botschaft bleibt davon unberührt: Nicht die Zahl sozialer Kontakte sagt langfristiges Wohlbefinden und Gesundheit voraus, sondern deren Verlässlichkeit und Qualität.
Für die Ausgangsfrage bedeutet das: Beziehungen sind nicht nur ein angenehmer Zusatz zum Leben. Sie gehören zu den zentralen Mechanismen, über die Menschen Belastung verarbeiten und in ein emotionales Gleichgewicht zurückfinden. Wer erwartet, diese Funktion vollständig durch Selbstregulation zu ersetzen, verlangt sich etwas ab, das dem menschlichen Regulationssystem nicht entspricht.
Der entscheidende Unterschied: Selbstberuhigung ist nicht dasselbe wie Beziehungssicherheit
Hier liegt der Kern des Missverständnisses, das dem eingangs zitierten Streit zugrunde liegt. Ein Mensch kann lernen,
- seinen Körper in Erregung zu beruhigen,
- Verlustangst einzuordnen, statt ihr ausgeliefert zu sein,
- eigene Gefühle zu validieren, statt sie zu bewerten,
- Impulse wahrzunehmen, ohne sie sofort auszuleben,
- eigene Grenzen klarer zu erkennen und zu benennen.
Was ein Mensch jedoch nicht allein herstellen kann: dass der Partner ehrlich, verlässlich, respektvoll und emotional erreichbar ist. Man kann sich in einer unsicheren Beziehung beruhigen lernen – dadurch wird die Beziehung selbst aber nicht sicherer. Selbstregulation verändert, wie jemand mit einer Situation umgeht. Sie verändert nicht, ob die Situation objektiv verlässlich ist.
Diese Unterscheidung schützt vor einer stillen, aber folgenreichen Verwechslung: Selbstverantwortung mit Selbstbeschuldigung gleichzusetzen. „Ich bin für meine Reaktion verantwortlich“ ist etwas anderes als „Ich bin schuld, dass ich mich in dieser Beziehung unsicher fühle.“
Was beide Partner beitragen können
Aus den bisherigen Überlegungen lässt sich eine klare Aufgabenteilung ableiten – keine starre Regel, sondern mehr eine Orientierung, an der Sie sich "entlang-hangeln" können.
Die eigene Verantwortung:
- Gefühle wahrnehmen und benennen können
- die eigenen Bindungstrigger kennen
- Fähigkeiten zur Selbstberuhigung entwickeln
- Bedürfnisse äußern, ohne den anderen anzugreifen
- angemessene Grenzen setzen
Die gemeinsame Verantwortung:
- auf Bindungssignale des anderen reagieren
- getroffene Zusagen möglichst einhalten
- nach Verletzungen aktiv Verantwortung übernehmen
- Rückzug ankündigen und zeitlich begrenzen, statt ihn unbestimmt zu lassen
- emotionale Erreichbarkeit im Alltag herstellen
- Reparaturversuche nach Konflikten unternehmen
Eine Formel, die sich in der Beratung als hilfreich erweist: Ich bin für meinen Umgang mit meinen Gefühlen verantwortlich. Wir sind gemeinsam für das emotionale Klima unserer Beziehung verantwortlich.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich meine emotionale Sicherheit selbst erzeugen? Nur teilweise. Selbstregulation und innerer Halt lassen sich entwickeln. Emotionale Sicherheit entsteht aber auch durch wiederholte Erfahrungen von Verlässlichkeit, Resonanz und Unterstützung durch andere.
Ist es ungesund, Sicherheit von meinem Partner zu brauchen? Nein. Das Bedürfnis nach Nähe und Beruhigung durch vertraute Menschen ist bindungstheoretisch normal und neurobiologisch gut belegt. Problematisch wird es erst, wenn die gesamte Regulation ausschließlich vom Partner abhängt oder wenn Kontrolle an die Stelle von Verbindung tritt.
Was ist der Unterschied zwischen Selbstregulation und Co-Regulation? Selbstregulation bedeutet, die eigene emotionale Erregung selbst zu beeinflussen. Bei Co-Regulation hilft ein anderer Mensch durch Nähe, Aufmerksamkeit, Berührung oder verlässliche Reaktionen dabei, wieder in ein reguliertes Erleben zurückzufinden.
Kann mein Partner meine Bindungsunsicherheit heilen? Ein Partner kann keine therapeutische Verantwortung übernehmen. Eine verlässliche Beziehung kann jedoch korrigierende Bindungserfahrungen ermöglichen und zur Entwicklung größerer Sicherheit beitragen.
Woran erkenne ich, ob meine Unsicherheit aus meiner Vergangenheit oder aus der aktuellen Beziehung stammt?Meist wirken beide Ebenen zusammen. Hilfreich ist die Frage, ob die Intensität der eigenen Reaktion zur aktuellen Situation passt – und ob sich der Partner objektiv verlässlich, transparent und respektvoll verhält.
Kann ich mich sicher fühlen, obwohl mein Partner sich zurückzieht? Vorübergehender Rückzug muss keine Gefahr bedeuten, wenn er angekündigt, respektvoll gestaltet und durch eine verlässliche Rückkehr ergänzt wird. Unangekündigter oder strafender Rückzug kann das Bindungssystem dagegen stark aktivieren.
Wie können Paare gemeinsam mehr emotionale Sicherheit entwickeln? Durch emotionale Erreichbarkeit, responsives Zuhören, klare Absprachen, verlässliche Reparatur nach Konflikten und einen offenen Umgang mit Bindungsängsten und Rückzugsimpulsen.
Fazit
Emotionale Sicherheit ist kein Entweder-oder zwischen Selbstverantwortung und Beziehung. Sie entsteht im Zusammenspiel: aus der Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu regulieren, und aus der Erfahrung, in einer verlässlichen Beziehung emotional aufgehoben zu sein. Wer sich fragt, ob die eigene Unsicherheit an einem selbst oder an der Beziehung liegt, stellt oft die falsche Alternative. Meist lohnt sich der Blick auf beides – und die gemeinsame Arbeit daran.
Wenn Sie herausfinden möchten, wie Sie und Ihr Partner oder Ihre Partnerin mehr emotionale Sicherheit in Ihrer Beziehung aufbauen können, vereinbaren Sie gerne ein kostenloses Erstgespräch – online oder bei mir in Worms: Termin vereinbaren
Sie fragen sich, ob eine Paartherapie helfen und ich Sie unterstützen kann? Schauen Sie doch mal hier vorbei: Wann ist eine Paartherapie sinnvoll?
Literatur
Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.
Coan, J. A., & Sbarra, D. A. (2015). Social baseline theory: The social regulation of risk and effort. Current Opinion in Psychology, 1, 87–91. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2014.12.021
Coan, J. A., Schaefer, H. S., & Davidson, R. J. (2006). Lending a hand: Social regulation of the neural response to threat. Psychological Science, 17(12), 1032–1039. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01832.x
Eilert, D. W., & Buchheim, A. (2023). Attachment-related differences in emotion regulation in adults: A systematic review on attachment representations. Brain Sciences, 13(6), Article 884. https://doi.org/10.3390/brainsci13060884
Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2019). Attachment orientations and emotion regulation. Current Opinion in Psychology, 25, 6–10. https://doi.org/10.1016/j.copsyc.2018.02.006
Waldinger, R., & Schulz, M. (2023). The good life: Lessons from the world's longest scientific study of happiness. Simon & Schuster.



0 Kommentare