Wenn ein Mensch fremdgeht liegen oft viele unterschiedliche Gründe dafür vor.
In meinem dreiteiligen Beitrag „Wie entstehen Affären“, gebe ich Ihnen eine wissenschaftlich fundierte Übersicht über die häufigsten Gründe für Seitensprünge und Affären, Helfe Ihnen dabei die Symptome frühzeitig zu erkennen und gebe Ihnen professionelle Tipps und Ratschläge, wie Sie damit umgehen und vor allem, wie SieSeitensprünge und Affären von Vornherein vermeiden können.
Viele Paare fragen sich: „Wie konnte sowas passieren? Warum ausgerechnet uns?“
Die ehrliche Antwort lautet oft: Es war ein Prozess. Schritt für Schritt. Der Seitensprung und/oder die Affäre sind nicht passiert, weil jemand „böse“ ist oder der andere einem egal ist, sondern, weil Grenzen typischerweise nicht aktiv geschützt wurden. Wenn Sie Seitensprünge und/oder Affären verhindern wollen, liegt genau hier Ihre Hebelwirkung: Anzeichen Früh erkennen und klar handeln.
Ich zeige Ihnen im Folgenden kurz und prägnant 7 typische Grenzverschiebungen und erkläre Ihnen, wie sie früh und effektiv gegensteuern können.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 1: Harmloser Kontakt wird zum exklusiven Kanal
Sicherlich kennen Sie den Spruch: „beste freunde zwischen zwei Geschlechtern gibt es nicht“. Das ist zwar faktisch falsch, allerdings auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Gerade wenn es in einer Beziehung dazu kommt, dass sich eine Person „ungesehen“ und/oder „nicht Wertgeschätzt“ fühlt, wenn zentrale Bedürfnisse keine Erfüllung finden, kann „Freundschaft“ missverstanden bzw. Missinterpretiert werden. John Gottman spricht (im übertragenen Sinne) von dem Freundschaftssystem einer Partnerschaft, als zentraler Anker der Liebe. Was die Beziehung zwischen zwei Menschen zu etwas besonderen, etwas, das die Freundschaft zu anderen unterscheidet und zu einer Liebesbeziehung macht, ist zu einem großen Teil die geteilte Erotik. Diese spielt in „normalen“ Freundschaften keine Rolle.
Wenn ein Mensch in einer Partnerschaft schwindende Freundschaft zu seinem Partner erlebt, leidet typischerweise auch die Erotik. Kommt jetzt ein „Freund bzw. eine Freundin“ ins Spiel, kann es vorkommen, dass die Rückkehr der Emotionen, die mit Freundschaft verbunden werden, auch die verlorene Erotik anspricht, und somit eine Verstrickung entsteht, die zu einem Seitensprung bzw. einer Affäre werden kann. Dabei spielen langfristige Freunde allerdings selten eine tragende Rolle, weil hier schon lange feste Grenzen bestehen.
Neue Bekanntschaften sind hier anfälliger. Es beginnt häufig mit einem „Wir verstehen uns einfach gut“. Problematisch wird es, wenn der Kontakt exklusiv wird: private Chats, Insider Wissen, tägliche Updates, die der Partner nicht kennt usw.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 2: Emotionales Teilen wandert vom Paar nach außen
In der Emotion Fokussierten Paartherapie wird dies als ein Bindungsbruch beschrieben: Intime Gefühle wie Stress, Angst, Stolz oder Scham werden gegenüber dem Partner bzw. der Partnerin angesprochen. Sie werden nicht mehr in der Beziehung gehalten. Die Gründe hierfür liegen typischerweise in einem Vertrauensverlust, der durch sich wiederholende/andauernde Kritik entstanden ist. Die betreffende Person verlagert solche Gespräche nach außen, d. h. sie bespricht sie mit jemand anderem als dem Partner bzw. der Partnerin – dort entsteht jetzt die verlorene Bindung. Fragen Sie sich zum Gegencheck: „Wem erzähle ich zuerst, was mich bewegt?“. Wenn die Antwort darauf nicht ihr Partner bzw. ihre Partnerin ist, sollten Sie dies als Warnsignal wahrnehmen und ihr Verhalten bzw. das Verhalten von Ihnen und Ihrem Partner hinterfragen und ändern. Gespräche über den Alltag und die Herausforderungen des täglichen Lebens sind unverzichtbar für das Bindungsgefühl und dem empfunden Beziehungsglück.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 3: Geheimhaltung entsteht – und wird normalisiert
Geheimhaltung ist ein Warnsignal. Nicht, weil jede Form von „Privatheit“ falsch wäre, sondern weil Heimlichkeit das Nervensystem beruhigt („niemand stört“) und damit weitere Grenz-Überschritte erleichtert.
Dabei entsteht Geheimhaltung typischerweise aus Angst, was als Ambivalenz wiederum dazu beiträgt, dass ein „Abenteuergefühl“ entsteht. Die Bindung außerhalb der Beziehung wird dadurch zu etwas besonderen und sucht nach Schutz. Hier beginnt häufig eine Spirale der Verstrickung, die frühzeitig unterbrochen werden muss, um einen Seitensprung bzw. eine Affäre zu verhindern.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 4: Mikro-Flirts werden wiederholt – ohne Korrektur
Ein Kompliment, ein Emoji (oft erst ohne und dann, irgendwann, mit Herz), ein „Du fehlst mir“ und ähnliches, zählt unter „Mikro-Flirts“. Kleine Beiläufigkeiten, die Zuneigung und Bewunderung ausdrücken und in der eigenen Beziehung zu selten vorkommen. Solche Zeichen der Zuneigung werden in Langzeitbeziehungen oft unterbewusst (oder bewusst) vermisst. Wenn solche Signale mit einer anderen Person als dem Partner wiederholt werden, ohne dass eine Grenze gesetzt wird, entsteht eine neue Normalität. Und Normalität schafft Sicherheit. Die Sicherheit etwas Besonderes zu sein. Dr. John Gottman spricht hier von dem „Fondess and Admiration (Zuneigung und Bewunderung) System “. Ein überaus wichtiges System einer glücklichen Langzeitbeziehung, das, wenn es nicht entsprechen gepflegt wird, oft von beiden Partnern (manchmal „nur“ von einem) vermisst wird. Das kann dazu führen, dass durch eine neue Bekanntschaft der Mangel an Zuneigung und Bewunderung (z.B. Lob und Anerkennung) plötzlich gestillt zu werden scheint. Ein weiterer Schritt Richtung Seitensprung bzw. Affäre ist jetzt möglich.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 5: Der Partner wird innerlich abgewertet
Nach John Gottman ist der Blick, den Menschen auf Ihren Partner bzw. Partnerin werfen in dem Umgang miteinander zu erkennen. Da unser Nervensystem darauf ausgelegt ist uns vor Gefahren zu schützen, haben wir die Angewohnheit uns mehr auf das Negative zu Konzentrieren als auf das Positive, also die guten und liebevollen Handlungen unseres Partners bzw. Partnerin. Kritik und Vorwürfe, wenn auch oftmals gut gemeint, kommen häufiger vor als Zeichen der Wertschätzung und Dankbarkeit. John Gottman konnte in seinen Studien zeigen, dass es ab einer Quote von etwa 5:1 problematisch wird. 5:1 bedeutet, dass auf 5 negative Handlungen (damit sind vor allem kritische Äußerungen gemeint) eine positive Handlung (z.B. Anerkennung, Lob und/oder Dankbarkeit) zu verzeichnen ist. In meiner täglichen Praxis bin ich häufig mit Paaren konfrontiert, bei denen die Quote weit höher liegt, im Mittel bei 25:1 und auch höher.
Typischerweise taucht an solchen Stellen ein Narrativ auf: „Zu Hause versteht mich niemand. Egal was ich mache, es ist sowieso falsch.“ Das ist gefährlich, weil es moralische Hemmungen senkt. John Gottman würde sagen: Abwertung und negative Perspektive sind Gift für jede Beziehung – und in dieser Phase oft schon vorhanden.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 6: Körperliche Nähe wird möglich gemacht, der erste körperliche Grenzüberschritt
Meist wird das Setting vorher aktiv hergestellt. Aus Chats werden Treffen, aus Gesprächen Körperkontakt und diese Taten münden in „Nur ein Kuss“ oder „Nur einmal“. Verantwortung beginnt hier früher als beim eigentlichen Ereignis.
Der Weg in den Seitensprung oder eine Affäre, Schritt 7: Nach dem ersten körperlichen Grenzüberschritt folgt die zweite Entscheidung: Fortsetzen oder stoppen
Ganz gleich wie der erste Grenzüberschritt verlief, eine innige Umarmung, ein Kuss oder Sex: Viele Affären werden nach dem ersten Überschritt beendet – manche aber nicht.
Diese „zweite Entscheidung“ ist auch therapeutisch hoch relevant. Kurz zusammengefasst kann man sagen: Wer sofort stoppt, zeigt schneller Verantwortung und wer fortsetzt, vertieft den Vertrauensbruch.
Frühe Gegenmaßnahmen – 5 konkrete Schutzfaktoren vor Seitensprüngen und Affären
Wenn Sie präventiv handeln möchten, helfen diese fünf Schutzfaktoren:
- „Transparenz-Regel“: Kontakte, die Intimität erzeugen, sind nicht geheim.
- „Primärbindung“: Wichtige emotionale Themen gehören zuerst ins Paar. Sie können lernen einander aktiv zuzuhören und emotional verbindend miteinander zu sprechen. Diese basis ist von unschätzbarem wert und sollte nicht unterschätzt werden.
- „Grenz-Sätze“: Formulierungen, mit denen Sie freundlich, aber klar im Umgang mit anderen stoppen können.
- „Doppel-Check“: Was würde ich fühlen, wenn mein Partner das so tun würde?
- „Paarrituale“: Wöchentliches Check-in + bewusstes Gemeinsamkeits-Erleben. Hierzu eignet sich besonders ein „State Of The Union Meeting“ nach Dr. John Gottman
Prävention ist weniger Moral als vielmehr Beziehungs-Hygiene.
FAQ
Ist es kontrollierend, Transparenz zu vereinbaren?
Transparenz ist etwas anderes als Überwachung. Transparenz ist eine gemeinsam vereinbarte Sicherheitsstruktur – besonders nach Vertrauensbrüchen.
Gibt es „ungefährliche“ Flirts?
Manche Paare definieren Flirt-Spielräume. Entscheidend ist: Ist es offen besprochen, beidseitig okay und führt es nicht zu Heimlichkeit oder exklusiver Intimität?
Was zählt in der Praxis als Grenzverletzung?
Alles, was Sie dem Partner eher verschweigen würden: heimliche Chats, private Intimität, exklusive Vertraulichkeit oder ein „wir gegen die anderen“-Gefühl. Entscheidend sind Transparenz, Gegenseitigkeit und die vereinbarten Regeln.
Brauchen wir Regeln für Handy, Social Media und Passwörter?
Nicht zwingend. Sinnvoll ist eine gemeinsame Transparenz-Vereinbarung: Was wird offen geteilt, was bleibt privat? Nach Vertrauensbrüchen kann vorübergehend mehr Offenheit helfen – ohne in Kontrolle zu kippen.
Wie gehen wir mit engen Freundschaften zu Kolleg:innen um?
Benennen Sie früh die Grenze zwischen Kollegialität und exklusiver Nähe. Hilfreich sind klare Leitplanken: keine Geheimhaltung, keine romantisierende Kommunikation, keine privaten „Ersatz-Gespräche“ über die Beziehung.
Ist Eifersucht ein Alarmzeichen oder ein Problem?
Beides kann stimmen. Eifersucht kann auf reale Grenzverschiebungen hinweisen – oder auf alte Bindungswunden. Klären Sie zuerst Fakten und Vereinbarungen (Gottman), dann die dahinterliegende Verletzlichkeit (EFT).
Nächster Schritt
Wenn Sie sich in Ihrer Beziehung festgefahren fühlen, kann ein klarer, moderierter Rahmen viel Druck aus dem System nehmen.
Kostenloses Orientierungsgespräch (online oder in Worms): https://calendly.com/heiko-koenigs-weg-aus-der-zukunft-lernen/orientierung
Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Bei akuter Gewalt, Suizidalität oder medizinischen Notfällen holen Sie bitte sofort Hilfe.



0 Kommentare